
Zur Erklärung für die 7-9 regelmäßigen Leser dieses Blogs: unsere Interview-Serie Meet a Spreader heißt jetzt “Mitarbeiter im Gespräch”. Ich bekomme in letzter Zeit nämlich immer so kluge “Mails” vom Verein für deutsche Sprache. Und irgendwie haben sie ja einfach recht mit dieser “Deutsch first” Regel. Auch wenn so manche Pedanterie unnötig erscheint. “Mitarbeiter im Gespräch” also. Heute: Mirko. Spreadshirts Chef-Verwalter ist freiwillig nach Boston gezogen, um bei Spreadshirt US die Buchhaltung zu schmeißen. Im Interview äußert er spannende Ansichten zur amerikanischen und deutschen Mentalität, Tenderloin Steaks und Überwachung. Von wegen Buchhalter..
Wann und wo bist Du geboren?
1976 in Schwerin. Norddeutschland. Merkt man manchmal, ich weiss.
Wie ist Dein Werdegang?
In Kurzform: Kindheit in Schwerin mit viel Natur (Seen, Wälder) dann Spezialschule für Mathematik und Naturwissenschaften in Rostock im Internat, kaufmännische Berufsausbildung, Wirtschaftsingenieurstudium in Rostock, währendessen ein Jahr Aufenthalt im Norden Schwedens (Lappland ist wunderschön!), danach erster Job in einer Medtech Firma, nebenbei MBA Studium an der HHL, dann aber Insolvenz der Firma, Übernahme durch großen Konzern, viel Bürokratie, wenig Spass => Wechsel zu Spreadshirt
Ein tadelloser Lebenslauf. Was verbindet Dich heute noch mit der Heimat?
Was ist Heimat? Ist es nicht der Ort, wo man gerade ist und sich wohlfühlt? Ich habe ein T-Shirt, das ich gerne mein “Hometown-Shirt” nenne. Vorne steht Boston drauf, hinten Rostock. Das symbolisiert es ganz gut. Ich betrachte Boston als meine neue Heimat, und Rostock ist meine ehemalige alte Heimat. Ich fühle mich an beiden Orten sehr wohl.
Wann bist Du zu Spreadshirt gekommen - und was machst Du jetzt genau?
Ich habe im November 2005 bei Spreadshirt angefangen. Damals auf dem Papier als “Leiter Controlling” - das ist das, was David heute macht. Nur musste ich damals schnell festellen, dass ohne Rechnungswesen (Spreadshirt hatte nicht einmal einen Buchhalter zu der Zeit) gar kein Controlling möglich war. Und da habe ich angefangen, den Bereich neu aufzubauen. Ich war damals so eine Art kaufmännischer Leiter mit Bereichen wie Buchhaltung, Controlling, Steuern, Payroll, allgemeine Verwaltung usw. Das wurde dann aber mit dem ganzen Wachstum, das wir hingelegt hatten, ganz schnell ganz viel Arbeit. Zuviel. Daher wurden immer mehr Spezialisten für die einzelnen Teilbereiche eingestellt. Wir bekamen einen eigenen HR-Bereich, ein eigenes Controlling, ein eigenes Org-Team. Und für mich war dann am Ende Buchhaltung übrig geblieben. Was zugegebenermaßen nicht gerade mein Lieblingsgebiet war und ist. Da kam dann zur richtigen Zeit das Angebot von Jana, in US noch einmal von vorne anzufangen und das, was ich in Deutschland schon einmal alles erfolgreich verantwortet hatte, bei Spreadshirt in den USA noch einmal aufzubauen und zu übernehmen. Ich bin jetzt hier für die Bereiche HR, IT, Finance, Legal und allgemeine Verwaltung zuständig. Also so eine Art “Mädchen für alles”, wobei mich ein großartiges Team von mehreren Leuten in Greensburg dabei unterstützt. Der Reiz der Position liegt in der Vielseitigkeit der verschiedenen Aufgabengebiete und in der Möglichkeit, vieles noch selber gestalten zu können. Ich berichte zwar an Andreas und Jana, habe aber noch selber einen recht grossen Entscheidungsfreiraum vor Ort.

(Blick vom Bostoner Spreadshirt Büro, dessen Fenster sich - wie bei den meisten Hochhäusern - nicht öffnen lassen)
Was sind die Unterschiede zwischen Spreadshirt US und Spreadshirt Deutschland?
Die Unterschiede sind größer als man denken mag. Hier in US ist noch vieles hands-on und man muss vieles selber machen statt an irgendeinen Assistenten oder Referenten delegieren zu können (was ich aber auch mag). Das ist ähnlich wie in Leipzig vor ca. zwei Jahren, falls sich der eine oder andere der Älteren (! - Anmerkung der Red.) noch erinnert. Andererseits ist aber im Vergleich zu Spreadshirt in Deutschland das Durchschnittsalter und damit auch die Lebenserfahrung der Mitarbeiter bei Spreadshirt US höher. Viele Leute haben bereits Familie und mehrere Kinder zu Hause. Wenn ich mein ehemaliges Team in Leipzig und mein jetziges in Greensburg vergleiche, so würde ich den Altersunterschied auf knapp 10 Jahre schätzen. Und was noch auffällt, amerikanische Mitarbeiter sind kulturell anders als Deutsche. Und da trete ich das eine oder andere Mal noch ins Fettnäpfchen. Da helfen mir meine Leute hier aber auch, weil sie ehrlich zu mir sind und mir dann ganz klar sagen: “Mirko, that’s not the way how it would work here.”
Wie unterscheiden sich die Lebensstile? Was magst Du an den USA bislang, was eher nicht so?
Ich liebe die Einstellung der Amerikaner generell - zum Leben, zum Business. Es ist vieles so herrlich unkompliziert. Man macht es einfach statt lange zu diskutieren oder zu planen. Während Deutsche noch ueber einen strategischen Plan diskutieren, haben die Amerikaner schon die ersten Kunden gewonnen und Umsatz gemacht. - Was ich aber andererseits erschreckend finde, ist die Tatsache, dass vielen Leuten hier trotz der großen historischen Tradition dieses Landes mit der Erkämpfung der Freiheit und Unabhängigkeit der derzeitige Ausbau zum Überwachungsstaat und der Einschränkung der persönlichen Freiheiten so egal ist. Da würde ich mir manchmal einen etwas kritischeren Standpunkt wünschen.
Was ist das Leckerste in den USA - was schmeckt Dir gar nicht?

Ein 8 oz. Tenderloin, medium-rare… Muss ich noch mehr sagen? Steaks sind hier unschlagbar in Geschmack und Qualität. Und Eiscrem natürlich, Häagen-Dazs und Ben & Jerrys. Was ich dagegen fürchterlich finde, ist High Fructose Corn Syrup. Das steckt hier in fast jedem Lebensmittel drin. Das Zeug ist schlichtweg der Inbegriff von “processed food” - gibt es dafür eine gute deutsche Übersetzung? (Formatfraß? Anmerkung der Red.)
Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?
Früh aufstehen (so gegen 6 Uhr), um spätestens 6:30 loszufahren. Wenn du später dran bist, stehst Du im nur Stau - ich würde dann knapp eine Stunde für 10 Meilen brauchen. Frühstück im Büro. Dabei die News aus Deutschland und US im Internet lesen. Dann geht es an die Arbeit. Aufgrund der Zeitverschiebung vormittags bevorzugt die Bearbeitung von Themen, die mit Deutschland zu tun haben und Kommunikation erfordern. Normalerweise bleibe ich dann bis gegen 6 Uhr im Buero, vorher braucht man wegen dem Verkehr sowie so nicht loszufahren. Abends dann diverse Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel Basketball schauen. “We are the champions!” (Die Boston Celtics haben gerade die LA Lakers in Grund und Boden geschossen und ihren 17.Titel in der NBA geholt.)
(Blick aus dem Büro in Boston II)
Welche Hobbies pflegst Du?
Wenn ich mal Zeit habe, reise ich gern privat. Ich bin von Natur aus neugierig auf andere Laender und Orte. Weniger der Kultur im klassischen Sinne wegen, mehr der Lebensart und auch der Architektur halber. Und natuerlich des guten Essens wegen. Ich liebe zum Beispiel frische Seafood-Gerichte. Und ich bevorzuge nicht unbedingt die grossen Touristenorte. Ich war bisher in schätzungsweise 15 Laendern in Europa, Afrika und Amerika und habe noch so viel auf der To-Do-Liste (z.B. Vietnam, Kuba, Namibia). Vielleicht verrate ich hier mal einige Geheimtips:
- Der Skuleskogen Nationalpark in Nordschweden. Grandios und fast menschenleer. Oder der
- Strand im Tsitsikamma Nationalpark in Südafrika - kilometerweit feiner Sandstrand, blaues Wasser, grüne bergige Wälder im Hintergrund, einfach traumhaft.
Wenn Du ein Tier sein müsstest, welches würdest Du aussuchen?
Ich glaube, ein Elch wäre ganz cool. Das hinterlässt Eindruck, Du hast keine natürlichen Feinde und kannst Dich im Herbst immer an vergorenen Früchten zudröhnen.
Nenne Musik, Bücher oder Filme, die Dich in letzter Zeit bewegt haben
Mein Lieblingssong zurzeit ist Morcheeba mit “Enjoy the Ride” - super um nach der Arbeit auf dem Weg nach Hause etwas abzuschalten. Der letzte Film, der mir im Gedächtnis geblieben ist, war “Michael Clayton”. Den hatte ich kürzlich auf DVD gesehen.
Dein Tipp für die US-Wahl?
ganz klar Obama. Er ist ein grandioser Rhetoriker und verbreitet vielen, insbesondere den jungen Leuten hier, Hoffnung auf Besserung und er mobilisiert die Massen. McCain hat aber auch einige sympathische Seiten. Ich denke aber, dass Obama deutlich gewinnen wird. Das ganze Land hier ist in Wechselstimmung - so wie in Deutschland 1998.
Danke! Wer soll das nächste Interview geben?
Emmanuel Levy
(Blick in das Büro in Boston)


TweetThis




es ist schön zu sehen, dass ein rostocker / schweriner es bei spreadshirt geschafft hat.
grüße aus der hansestadt :)
Was machen denn die Boston Celtics?
@Jay1:
Die Boston Celtics spielen Basketball, und das ganz erfolgreich.