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Ethik-Workshop mit Rezzo Schlauch

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Ist erlaubt, was nicht verboten ist? Sollte man jedes Motiv abdrucken, auch wenn es an Schmerz- Scham- oder Geschmacksgrenzen stößt?

Diese und verwandte Fragen wurden kürzlich im Rahmen eines Ethik-Workshops diskutiert. Prominenter Gast: Rezzo Schlauch, Mitglied im Spreadshirt Aufsichtsrat.

Spreadshirt lebt von der Vielfalt der Meinungen, wie sie sich in den Motiven widerspiegelt. Eine ästhetische, politische oder sonstwie geartete Zensur findet nicht statt – solange ein Motiv rechtlich vertretbar ist. Weit mehr als 90% aller Motive, die Spreadshirt erreichen, sind rechtlich unproblematisch. Nur ein kleiner Teil wird beanstandet, die meisten davon im Zusammenhang mit dem Urheberrecht.

Manchmal sind Motive zwar rechtlich unbedenklich, gehen einem aber dennoch nicht so leicht von der Presse, weil jemand sie als verletzend, pietätlos oder - mehr oder weniger latent – diskriminierend empfinden könnte. So war es erst kürzlich im Zusammenhang mit dem PI Shop geschehen, Ami hatte das Thema im Blog aufgegriffen

Für diese heiklen Einzelfälle gab und gibt es den Spreadshirt Ethikrat. Hier kann jeder Mitarbeiter mitwirken, Entscheidungen werden mehrheitlich gefällt.

Doch auf welcher Grundlage soll er agieren? Braucht Spreadshirt eine Verfassung, einen Ethik-Kodex? Oder besteht hier die Gefahr, einen „Akt der Selbtbefriedigung“ zu begehen, ohne konkrete Entscheidungsgrundlagen zu schaffen?

Der Workshop

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Zunächst zeigte Justitiarin Andrea einige Fundstücke aus dem Spreadshirt Giftschrank. Sie hat die undankbare Aufgabe, in konkreten Fällen auf die rechtlichen Gefahren hinzuweisen. Andrea machte klar: Spreadshirt ist kein Medien- oder Presseunternehmen, genießt also auch keine Pressefreiheit. Was die „Titanic“ darf, ist Spreadshirt und seinen Nutzern verboten, insbesondere in Bezug auf Figuren des öffentlichen Lebens. Dass T-Shirts als Flächen der Meinungsäußerung auch mediale Aufgaben erfüllen, wird vom Gesetz leider nicht berücksichtigt. Andrea und ihr Team sondieren täglich, welche Themen aktuell eine Rolle spielen und auf T-Shirts in einem neuen, problematischen Kontext auftauchen könnten (zum Beispiel: T-Shirts über Amoklauf).

Konrad vom „ultraliberalen Flügel des Ethikrats“ möchte größtmögliche Freiheit walten lassen. Er ist schon lange bei Spreadshirt und sieht die liberale Tradition als konstitutives Element der Firma.

Matthias betont, dass ein Ethik-Kodex auf die bereits bestehenden Spreadshirt-Spielregeln Bezug nehmen sollte, insbesondere auf Mission Statement, Core Values und Brand Map. Er hält die Überarbeitung und Verbesserung der Prozesse und Strukturen des Ethikrates für ebenso wichtig wie die Ausarbeitung eines kurzen Ethikkodexes. Seit Gründung hat er eine steigende öffentliche Sensibilität für Shirt-Motive beobachtet.

Rezzo Schlauch ist der liberale Standpunkt sympathisch, allerdings gibt er zu bedenken: „Meinungsfreiheit ist kein Selbstzweck.“ Wer demjenigen Meinungsfreiheit einräumt, der eigentlich gegen Meinungsfreiheit ist, hat selbst bald nichts mehr zu sagen. Er diagnostiziert einen Kulturkonflikt: Spreadshirts Anfangstage standen im Zeichen eines weitgehenden Laissez-Faire, einiges müsse heute neu bewertet werden. Ungeachtet dessen sei es wichtig, dass die Firma sich ethisch klar profiliere und eine verantwortungsbewusste Position beziehe. Gegenbenfalls sollte man juristischen Sachverstand von außen, zum Beispiel von der Uni, zu Rate zu ziehen. „Ich komm jetzt aber nicht mit der Beiratslösung.“ Rezzo betonte auch: “Die Tür nach rechts muss geschlossen werden.”

Tobias glaubt, dass Spreadshirt ethisch Farbe bekennen sollte, in Anerkennung der Corporate Social Responsibility. Durch eine solche Haltung könne man sich auch profilieren und für Wiedererkennbarkeit sorgen.

Mit diesem Futter kann es jetzt an die Formulierung des Ethik-Kodex gehen. Den Ethikrat noch schneller und effizienter zu machen, ist ein zweites Nahziel, um das sich u.a. Martin und Kollegen kümmern.

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9 Responses to “Ethik-Workshop mit Rezzo Schlauch”


  1. 1 by Takedown | Mar 19th, 2008 at 11:54 am

    Die Glückseligkeit ist schon nach Aristoteles die “Tätigkeit der Seele im Sinne der ihr wesenhaften Tüchtigkeit”. Wieso also sollte man für diese ganz unterschiedlichen Seelen das Endziel jeglichen Handelns (nämlich das des Glücks) verwehren?
    Es ist nicht eine wirkliche Frage des Geschmacks eines Einzelnen, sondern der, der Gesellschaft.
    Folglich muss der feine Ethiker darauf doch schließen, dass man jedes Motiv drücken darf, solange es von der Gesellschaft gewollt ist, oder? ;-)

  2. 2 by Michel | Mar 19th, 2008 at 12:18 pm

    Klar, klar, - aber wenn Dein Glück darin besteht, mein Glück zu zertrümmern, dann haben wir nun mal einen Zielkonflikt, der nicht auf dasselbe T-Shirt passt.

    Wem der Spruch “Islamophobic - and proud of it” wirklich zum persönlichen Glück verhilft, oder das Bild einer Frau mit blutendem Unterleib unter der Überschrift “Raped”, der sollte doch mal seine Definition von Glück überprüfen. Vielleicht beruht sie ja auf dem Unglück anderer?

    Insofern, Takedown, gebe ich Dir recht, als der Begriff “Geschmack” falsche Assoziationen hervorruft. Hier geht es nicht um Unappetitliches, einen Kackhaufen oder ein Bild einer OP. Da ist der Brechreiz das Limit und wir würden nicht im Traum darauf kommen, das zu moderieren. Sondern es geht um Fälle, wo latente Drohungen in Motive verpackt werden. Oder auch um extreme Pietätlosigkeit gegenüber Opfern, zum Beispiel nach Amokläufen oder Naturkatastrophen.

    Zum Glück sind es aber nur sehr wenige Einzelfälle. Die Devise bleibt: Moderationen auf das Nötigste beschränken, ansonsten Drucken bis der Arzt kommt.

  3. 3 by TCR | Mar 19th, 2008 at 3:19 pm

    Jeder hat da andere Grenzen und sobald es rechtlich nicht wirklich klar verboten ist wirds schwierig. Ich denke eine mehrköpfige Kommission mit Mehrheitsentscheid ist ein guter Weg.

  4. 4 by Jay1 | Mar 19th, 2008 at 4:52 pm

    Yep, finde ich gut.

  5. 5 by Takedown | Mar 19th, 2008 at 5:08 pm

    @Michel:
    Klar, die Diskussion mit dem Glück basierend auf dem Unglück anderer lässt uns die Diskussion ins Unendliche führen. Ich sag nur Rousseau und Hobbes mit ihren Vorstellungen von einer Gesellschaft.
    Aber die Grenzen des Glücks sieht halt leider jeder Mensch für sich anders. Von daher druckt, was das Zeug hält, aber haltet immer schön die Augen auf :-) Ihr macht das schon ;)

  6. 6 by Henning | Mar 20th, 2008 at 12:38 am

    Michel, wenn ich Dich richtig verstanden habe, möchtest Du (möglicherweise unfreiwillige) Geschmacklosigkeiten abgrenzen von gezielten, absichtlichen Affronts (Beleidigungen, Pietätlosigkeiten).

    Doch ist diese Grenze so einfach zu ziehen? Wie definieren wir ethische Relevanz? Wenn ich unter einer dümmlichen Geschmacklosigkeit allein aus ästhetischen Gründen leide, bin ich dann nicht bereits be-leid-igt?

    Juristisch gilt der Grundsatz: Unwissenheit schützt nicht vor Strafe. Überträgt man dies auf die Ethik, können moralische Urteile nicht (allein) davon abhängen, ob jemand absichtlich beleidigt hat oder nicht (zumal man über “Willenfreiheit” lange streiten kann).

    Meines Erachtens ist Ethik das Komplizierteste, was im Rahmen menschlicher Kultur zu verhandeln ist. Ich stimme mit Rezzo Schlauch vollkommen überein, dass Freiheit kein Selbstzweck ist und dass man Intoleranz nicht tolerieren darf. Trotzdem verteidige ich die Freiheit als unverzichtbares Prinzip, das einzig uns bei diskursiver Unentschiedenheit und ethischen Dilemmata einen akzeptablen Ausweg verspricht: In dubio pro libertate!

  7. 7 by newhorizon | Mar 26th, 2008 at 12:25 pm

    Ich war über Ostern in meinem Geburtsland Niederlande. Da läuft eine heiße Diskussion, ob man den vom rechten Politiker Wilders angekündigten Film ‘Fitna’ über den Islam verbieten darf. Eine Puppe von Herrn Wilders wurde übers Wochenende in Afghanistan von fanatischen Islamiten verbrannt; dazu auch Niederländische und Dänische Flaggen (wegen ‘anti’(?)-Islamischen Karikaturen).
    Die Frage wäre tatsächlich, ob man solche Karikaturen oder Filmausschnitte drucken darf oder soll. Ich persönlich denke nicht, und zwar nicht nur, weil man damit die Gefahr laufen würde, von Al-Kaida ins Visier genommen zu werden (eine möglich feige aber m.E. weise Begründung), sondern weil solche Diskussionen am äußerten Rande der gesetzlichen Meinungsäußerung stattfinden wo sich Firmen m.E. nicht aufhalten sollten. Soll heißen: Es ist die Aufgabe der Politik und Gesellschaft im ständigen Wandel Lösungen an den Außenseiten des Machbaren zu definieren während Firmen im allgemeinen, so auch spreadshirt bis kurz vor diesen Grenzen operieren.
    Bliebe die Frage, wo kurz vor diesen Grenzen ist: Ich have selber gerade meine erstes T-shirt erstellt, darauf steht ‘respect’. Möglich könnte dieses einzige Wort einen Leitfaden darstellen für Entscheidungen für oder gegen drucken, unabhängig davon ob respektlose Motive von der rechten oder von der linken Seite der Gesellschaft stammen.

  8. 8 by ami | Mar 26th, 2008 at 2:44 pm

    respect - finde ich gut und einleuchtend. jana, unsere chefin, hatte neulich eine ähnliche, einfache und wie ich finde sehr griffige formel: “against hate.” das bringt es glaube ich auch gut auf den punkt.

  1. 1 Free Tibet - oder nicht? at Der deutsche Spreadshirt-Blog

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