Le dessous des cartes.
Wie versprochen gibt es heute den zweiten Teil unserer kleinen Geschmacklosreihe. Denn vor kurzem hat ein LaFraise-Motiv gewonnen, das besonders ist. Auf den ersten Blick nicht besonders originell und auf den zweiten besonders geschmacklos. Aber auch besonders erfolgreich. Weil es eine besondere Doppelebene hat. Was ist also so besonders an "Homer m'a tuer!"?
Sehen wir uns das Motiv einmal genauer an "Homer m'a tuer!" bedeutet soviel wie "Homer hat mich umgebracht!". Aha! Vom Donut erschlagen. Hühü. Na ja. Is nich der Kracher, aber nun gut. Welcher Homer könnte wohl gemeint sein? Der Klassiker? Wohl eher nicht. Solange keine hohlbäuchigen Pferde mit einem Rudel kriegshungriger Griechen drin auftauchen, wird der's wohl nicht gewesen sein. Zählen wir also 1 und 1 zusammen. Homer, Donut, gelbe Haut. Okay. Zugegeben, das ganze ist ein Railgrind auf dem Geländer des Urheberrechts. Aber wie beim großen Vorbild, gleitet auch unser Motiv mit einem Schnarzen auf der Kante, ohne das Konstrukt zum Einstürzen zu bringen.Jetzt kommen die Details. Zunächst einmal bemerkenswert ist der Umstand, dass die Überschrift der eindeutig französischen Botschaft mit einem H beginnt. Was aber im Grunde egal ist, da die Franzosen ihr Asch eh nicht ausprechen können. Oder wollen. Dies führt im Alltag zu charmanten Sprachirritationen und öffnet doppeldeutigen Wortspielen Tor und Hof.So wird zum Beispiel aus Holland Olland und aus Hose Ose. Das klingt erst mal putzig, hällt sich mit Doppeldeutung allerdings noch zurück. Aus unserem kleinen Spruch kann aber folglich auch sehr schnell "Omar m'a tuer!" werden. Und jetzt wird es wirklich spannend. Szenenwechsel.Am 23. Juni 1991 wird die 65jährige Frau Ghislaine Marchal in Mougins, einer Stadt im Südwesten von Frankreich, umgebracht. In der Mittagspause. Ghislaine hatte sich kurz vor um 12 Uhr telefonisch mit Freuden zum Essen verabredet. Als diese um 13:30 Uhr immer noch nicht auftaucht, beginnen sich ihre Freunde langsam zu sorgen.Ihr Gärtner hatte dabei am selben Tag seine Arbeitszeit zufällig auf jene ominösen Stunden gelegt, was jedoch außer Ghislaine Marchal niemand wußte. Sein Name: Omar Raddad.Als man die durch einen Messerstich getötete Leiche von Ghislaine Marchal in einem verschlossenen Keller findet, steht mit Blut an der Wand geschrieben "Omar m’a tuer!". Geschrieben vom Opfer mit ihrer Hand, an der noch das Blut klebt. Seltsamerweise ist dieser Satz grammatikalisch jedoch falsch, da es eigentlich tué heißen müsste. Und solche Fehler hatte Madame Marchel nie gemacht. Es nähren sich also hier bereits erste Zweifel an der einfachsten Version - das Opfer selbst habe diesen Satz an die Wand geschrieben, um den Mörder zu enttarnen.Omar wird trotzdem erst einmal festgenommen und des Mordes angeklagt. Als Täter kommen jedoch auch andere Personen in Frage. So hat zum Beispiel der Sohn von Ghislaine Marche ein sehr schlechtes Verhältnis zu seiner Mutter. Und auch der Mann der Putzfrau reiht sich in den Täterkreis ein. Einen tut sie das Motiv: schnöder Mamon. Doch Omar "Geschichte" ist einfach besser.Also versucht die Justiz diese Version durchzudrücken. Graphologen untersuchen die blutige Schrift genau.Die Schriftprobe ergibt dabei lediglich eine Übereinstimmung von 60% zwischen Wand und der von Ghislaine Marchel. Trotzdem wird dies als Beweis gewertet. Dazu konzipiert man um Omar herum eine Beweiskette anhand der selbst James Bond vor Neid erblasst wäre. Omar wird also 1994 zu 18 Jahren Kerker verknackt.Der ganze Vorfall löst aufgrund der dubiosen Beweislage einen riesigen Justizskandal aus, der in den Medien massiv breit getreten wird. So vermutet man in Omar ein reines Bauernopfer, um die Sache vom Tisch zu bekommen. Rassistische Vorwürfe werden laut, bei dem sich der muslimische Teil der Bevölkerung Frankreichs verraten sieht. Sogar der König der ehemaligen französischen Protektorates Marokko meldet sich zu Wort.Omar selbst tritt in den Hungerstreik, um seine Unschuld zu untermauern. 1996 nimmt sich Präsident Chirac der Sache an und reduziert die Strafe von Omar auf vier Jahre und acht Monate, weshalb dieser im Jahre 1998 wieder frei kommt.Im Jahre 2000 werden die Untersuchungen wieder aufgenommen. Dabei stellt man fest, dass die Schrift wahrscheinlich nicht die des Opfers ist. Auschließen könne man dies allerdings auch nicht. Was die Sache aber jetzt noch dubioser macht: Die Hand, mit der geschrieben wurde, ist nicht die des Opfers.2001 findet man heraus, dass das Ganze mit einer Hand geschrieben wurde, deren genetischer Abdruck zweifelsfrei nicht der von Ghislaine Marchal ist. Wem sie allerdings dafür gehört, das findet man nicht heraus.Am Ende bleibt ein Justizskandal, bei dem ein Unschuldiger als Mörder vier Jahre im Gefängnis sitzt. Eine Opfer ohne Täter. Und Beweise, die nur beweisen, das nichts bewiesen ist.
Wäre das jetzt eine Arte-Sendung, würde ich auf die französischen Bücher verweisen, die zu diesem Thema erschienen sind. So widmet zum Beispiel "Crimes d'état: La omédie judiciaire" von Jaques Vergès dem Thema ein Kapitel. Auf Deutsch gibt es leider keine Veröffentlichungen. Trotzdem ist der Vorfall in Frankreich dermaßen populär, dass auch das LaFraise Shirt "Homer m'a tuer" eines der am schnellsten verkauften aller Zeiten wurde. Es beweist zudem: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Was uns wieder zur ersten Zeile unserer kleinen Wanderung zum Thema Geschmacksfrage führt:
Des einen Leid, ist des anderen Freud.
unglaublich, eine Geschichte wie von Agatha Christie!
Ich habe meiner Freundin das gezeigt, und sie hat gesagt, dass du dir aber schöne Geschichten ausdenkst.
Jusitzskandal plus Algerien-Konflikt plus Homer Simpson plus Design-Wettbewerb: da soll mal einer hinterherdenken.
Aber gut ausgegraben, Respekt!